Nebula
Die Geschichte Nebulas ist eine Tragödie, eine Erzählung von edlen Kulturen und dem Glanz des alten Reiches. Das Licht der Taten des letzten Großkönigs Atrayan Silberschwert strahlt bis in die Gegenwart, erlebte die Welt seither nicht ein solches Fest an Kunst, Kultur und gesellschaftlichem Miteinander in Reichtum und fast einem Jahrhundert Frieden. Doch die Schatten der Vergangenheit flüstern so leise, dass wir genau hinhören müssen, um etwas zu verstehen. Also lauschen wir:
Es steht geschrieben, dass vor hundert Hektoden König Atrayan nach
einem glorreichen und langen Leben auf dem Sterbebett lag. Seine
Gemahlin Leandra hielt ihm die Hand, als er nach seinen vier
Kindern schicken ließ. Als Erste betrat seine Tochter Talasee den
Raum und stellte sich zu seiner Rechten. Sie war anmutig und
wunderschön, ein wohlgeschnittenes Gesicht bezauberte jeden in
ihrer Nähe. Sie neigte das Haupt vor Trauer um ihren sterbenden
Vater. Ihr folgte Harlan. Er war kräftig und hochgewachsen, den
blonden Zopf über die Schulter. Mit fester Mine ging er zum
Kopfende des Bettes und legte seine breite Hand liebevoll auf die
kühle Stirn des Vaters. Als nächstes erschien Kalep in der Tür. Die
Schönheit mit schwarzem Haar und mandelförmigen Augen trat zur
Rechten des Vaters und sprach leise ein Gebet. Oaris stellte sich
an das Fußende des Sterbebettes, und umklammerte seinen Speer, als
wollte er die letzte Wache für seinen Vater halten. Der König
blickte müde, aber tröstend zu seinen Kindern, während sein Griff
um seiner Gemahlin Hand fester wurde. Sein letzter Atemzug stieß
eine weiße Schwanenfeder in die Luft, welche sich tanzend auf den
Boden legte. Aus ihr wuchs in Windeseile die beeindrucke Gestalt
einer in weiß gehüllten Frau, deren Haupt mit Federn geschmückt
war. Sie erhob ihre Hand und eine Träne suchte sich einen Weg über
die ebenmäßige Wange. Sie sprach: "Gebt acht, Kinder Atrayans, denn
die Götter schicken mich, um zu euch zu sprechen: Nebula wird
untergehen. Nebula wird sich der Gefahr nicht stellen können, wenn
entzweit ist, was Eins sein soll. Die alte Bedrohung dieses Landes
wird ihre fauligen Krallen ausstrecken und auf Rache sinnen, wenn
die Gegenwehr am schwächsten ist. Dies sind meine Worte und meine
Worte sind wahr. Ich kehre zu euch zurück um den neuen,
rechtmäßigen Herrscher von Nebula zu krönen. Wenn fremdes Blut auf
unserem Boden weilt, wird das Schicksal Nebulas neu geformt
werden." Und ebenso plötzlich, wie sie erschienen war, löste sie
sich in einer Brise kalter Luft auf.
In der folgenden Zeit war sich jedes der vier Kinder sicher, der
rechtmäßige Thronerbe zu sein und es kam zu ersten
Auseinandersetzungen zwischen ihnen. Leandra versuchte, die Gemüter
zu kühlen und erinnerte sie an die dunkle Prophezeiung des Orakels.
Doch immer mehr Zeit verstrich und das Orakel erschien nicht. Eines
Nachts träumte Oaris aber von der gefiederten Botin: Sie ging durch
die Flure des Schlosses und winkte ihm, ihr zu folgen. Doch so sehr
er sich auch beeilte, er konnte nie zu ihr aufschließen. Kam er an
den Beginn einer Treppe, verließ das Orakel diese gerade am oberen
Ende, bog er in einen Gang, sah er noch ein Stück ihres Gewandes um
eine Biegung huschen. So führte ihn die Botin schließlich in das
leere Schlafgemach seiner Eltern. Das Zimmer lag in grauem
Zwielicht und nur auf dem Boden vor dem Bett strahlte eine
schneeweiße Schwanenfeder. Oaris bückte sich nach der Feder und als
er sie berührte, erwachte er mit klopfendem Herzen. Der Königssohn
berichtete seiner Familie von dem nächtlichen Ereignis und erklärte
sich zum Großkönig. Seine Geschwister wollten eine derartige
Urteilsfindung aber nicht akzeptieren und so verließen sie das
Schloss in der Absicht, für den kommenden Zwist Armeen aufzubauen.
Sie wollten bereit sein, sobald das Orakel das wahre Urteil
verkünden würde. Harlan zog in den kalten Norden, zwischen die
schützenden Leiber der Berge, in denen tiefe Minen das Geld für
sein Heer hergaben. Talasee wanderte gen Westen, in die Regionen
der magischen Wälder und stolzen Häfen. Kalep ritt gen Osten, wo
trockene Wüsten und weite Steppen Heimat von Nomaden und edlen
Kämpfern waren. Auch Oaris blieb nicht im Schloss, sondern ließ
sich im sonnigen Süden nieder, wo Olivenhaine und fruchtbare Hänge
seine organisierten Truppen versorgen sollten. Leandra blieb mit
gebrochenem Herzen im Königsschloss zurück und als man eines
Morgens die Türen zu ihrem Schlafgemach öffnete, fand man ihr Bett
leer und kalt vor. Seit diesem Tag hat sie kein menschliches Auge
mehr erblickt. Und das Orakel blieb seinen Urteilsspruch
schuldig.
Die vier Geschwister wurden über die lange Zeit des Wartens zu
vier Königen und scharten riesige Armeen um sich.
Gleichzeitig lauerte etwas Böses in der modrigen Dunkelheit der
Erde und schmiedete seinen Plan. Die alte Bedrohung - namenlos,
gestaltenlos - wirkte einen mächtigen Zauber, auf dass nie wieder
ein lebender Körper die Insel betreten oder verlassen könne. Es
sollte kein Entrinnen geben, denn keiner der Verbündeten Nebulas
würde dem zerrissenen Reich zu Hilfe kommen können. Erst wenn der
letzte Bewohner von nebulanischem Blut gestorben sei, sollte die
Barriere zerspringen. Die alte Bedrohung musste nur abwarten, bis
die vier neuen Königreiche in Bedeutungslosigkeit versanken, um
dann ihren schartigen Dolch ins Herz Nebulas zu stoßen und die
Herrschaft über seine Völker an sich zu reißen. Statt dem Kampf um
die Vorherrschaft in Nebula führten die Geschwister nun erbitterte
Kriege gegen die alte Bedrohung, die es verstand immer wieder neue
Wunden zu reißen.
Trotz aller Widrigkeiten blühten die vier Reiche auf, doch sie
erreichten niemals den majestätischen Glanz und die Macht der alten
Zeit. Die Lieder dieser Völker verhallten im ewigen Raum der Zeit,
die vier Könige starben ohne legitime Nachkommen und ließen ihre
Untertanen im Stich. Festungen zerfielen zu Staub, Tempel brannten
ab und niemand erinnerte sich an die alten Götter. Was einst stolz
und mächtig war, ist nunmehr ein leise flüsternder Schatten. Hört
genau hin, denn sie haben viel zu erzählen.